Der Geisterzug
Rosenmontag 1991 war bedingt durch den Golfkrieg alles anders. Aufgrund des Golfkrieges und den damit verbundenen Demonstrationen beschloss das Festkomitee des Kölner Karnevals schweren Herzens dem Beispiel vieler großer Städte zu folgen und den Rosenmontagszug abzusagen. Ein wichtiger Grund war auch, dass man durch die vielen Demonstranten, von denen es immer wieder Drohungen gegen den Karneval gab, nicht mehr für die Sicherheit der Zugteilnehmer garantieren konnte.
Viele Karnevalisten fragten sich nun was Rosenmontag passieren würde. Leere Straßen, das wäre undenkbar für Köln. Aber nein, es wurden hinter verschlossenen Türen Verabredungen für Rosenmontag getroffen. Als es dann soweit war, gingen gleich mehrere spontane Züge durch Köln, allerdings ohne Wagen, Pferde und Wurfmaterial. Es waren sowohl Friedensdemonstrationen wie karnevalistische Umzüge, die friedlich neben einander, teilweise sogar gemeinsam, durch die Stadt zogen. Die Friedensdemonstration waren „Alternative“ überwiegend junge Leute, die hier eine Chance sahen, den Karnevalsoberen zu zeigen „und wir gehen doch“. Man hatte sich spontan zusammen gefunden, um den Karnevalisten den Spiegel vorzuhalten und war verwundert, dass die den gleichen Gedanken hatten. Es wurde eine einzige große Demonstration für den Frieden und den Karneval.
Den Kriegsgegnern ist es gelungen, ihre politischen Anliegen in den Zug einzubringen. Das war die Geburtsstunde des Geisterzuges.
1992 sollte am Karnevalssamstag der erste organisierte Geisterzug durch Köln ziehen. Die ersten schweren Bedenken seitens der Stadt Köln wurden zerstreut, da man davon ausging, dass die Teilnehmer Freude haben wollten und keine Randale
veranstalten würden. Man rechnete mit 600 bis 1.000 Teilnehmern, die mit Pechfackeln durch die Stadt ziehen wollten. Dazu sollten alle Straßenlaternen ausgeschaltet werden, damit es ein wirklicher Geisterzug würde. Dem Wunsch konnte die Stadt aus Sicherheitsgründen nicht nachkommen. Pechfackeln schienen der Feuerwehr zu gefährlich, wurden aber dann doch erlaubt. Die Stadt Köln betonte damals ausdrücklich, dass mit der Genehmigung des Geisterzuges keine inhaltliche Wertung verbunden sei. Das Festkomitee stand dem Geisterzug anfangs recht skeptisch gegenüber, war es doch kein Zug der auf Persiflage aufgebaut war, wie die offiziellen Züge, sondern ein politisch motivierter Zug der alternativen Jugend. Das hat sich längst gelegt. Auch das Festkomitee hat eingesehen, das in Köln jede Form des Karnevals nebeneinander existieren kann und auch von den Kölnern angenommen wird. Als dann die Geister vor 5 Jahren vor dem Aus standen, weil die Gelder fehlten, sprang der offizielle Karneval ein. Seit dieser Zeit unterstützt das Festkomitee des Kölner Karnevals den Geisterzug finanziell.
Der Geisterzug steht genau wie der Rosenmontagszug jedes Jahr unter einem anderen Motto. Im Gegensatz zum Rosenmontagszug und den Veedelszügen ist er sehr politisch geprägt. Er nimmt jedes Jahr am Karnevalssamstag einen anderen Weg, denn man will den Teilnehmern auch die Stadt nahe bringen und er geht immer erst bei Dunkelheit los, damit es gruseliger wird. Teilnehmen kann jeder, der Freude daran hat. Eine vorherige Anmeldung ist nicht nötig. Gewünscht sind eigene Kostüme, die sich möglichst dem Motto anpassen sollten. Notfalls kann man auch ohne Kostüm mitgehen, denn die Veranstalter sehen Teilnehmer viel lieber als Zuschauer.
Jeder hat die Möglichkeit im Zug für oder gegen etwas zu demonstrieren. Es gibt kein Wurfmaterial, um die Straßen sauber zu halten. Ein weiteres Anliegen der Veranstalter ist es den Zug frei von Technik zu halten. Es fahren keine Autos mit und die Musik kommt nicht vom Band.
Die Veranstalter des Geisterzuges haben den Ähzebär, einen alten Waldgeist, zu ihren Maskottchen gemacht, der jeden Zug mitmacht. Der Ähzebär stellt den Karneval dar und ist laut Adam Wrede eine in Erbsenstroh gehüllte Person, die schon in der Mitte des 19. Jahrhundert in Köln an den Karnevalstagen umherlief oder geführt wurde. Es ist ein alter Fastnachtsbrauch der den Kampf zwischen Sommer und Winter darstellen sollte. Mit dem Ähzebär ist es genau wie mit dem Nubbel, dessen Indentität nicht bekannt ist.
Der Name Ähzebär oder Erbsenmann ist entstanden, weil der Bär aus dem Winterschlaf kommt, wenn die Erbsen aus der Schote kommen. Die Erbsen sind seit jeher ein Fruchtbarkeitssymbol und der Karneval ist ganz früher, lange bevor es den organisierten Karneval gab ein Fruchtbarkeitsfest gewesen, mit dem der Winter ausgetrieben wurde. Heute hat der Karneval den Nubbel, der für alle Karnevalssünden herhalten muss. Er wird am Karnevalsdienstag öffentlich verbrannt.
Der Geisterzug hat sich heute nach 10 Jahren in Köln etabliert, wenn sich auch anfangs die Geister an den „Geistern“ schieden. So kamen anfangs Einwände von der Stadt, der Polizei, der Feuerwehr, der GEW und der KVB und auch das Festkomitee blickte kritisch auf den Geisterzug. Aber auch finanzielle Sorgen plagten die Geister, so dass mancher Zug erst durch Sponsoren in letzter Minute zustande kam. Ja man kann sagen sie waren zeitweise von allen guten Geistern verlassen. Aber Geister lassen sich nicht unterkriegen. Sie haben bewiesen, dass sie ihre Ziele durchsetzen können und dass Alternative keine Chaoten sein müssen.
Köln ist bunt und das zeigt sich auch im Geisterzug, der zu einer Bereicherung im Karneval geworden ist.